DJ3WE

5.0/5 Bewertung (2 Stimmen)

Antennenseminar in der Schweiz

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, es hat sich gelohnt, für eine Woche in die Schweiz zu reisen – sowohl für den engagierten OM als auch für die am Damenprogramm teilnehmende XYL.

Ardez liegt knapp 1500 m hoch im tief eingeschnittenen Tal des Inns im Unterengadin in der Ostschweiz, drei Autostunden von München entfernt. Die das Tal begrenzenden Berge ragen bis über 3000 m auf und waren selbst im August noch teilweise eingeschneit. Folgt man dem Tal für weitere rund 40 km, dann landet man im berühmten Wintersportort St. Moritz auf knapp 1900 m Höhe.

Vom St. Moritzer Trubel spürt man in den schmalen Gassen von Ardez allerdings nichts. Nur donnerstags belebt sich dort das Bild, gibt es doch dann den weithin bekannten „italienischen Abend“ im Seminar-Hotel Alvetern, zu dem auch Gäste aus größerer Entfernung anreisen, weil’s einfach so gut schmeckt.

Internationaler Teilnehmerkreis

Anfang August trafen sich sieben OM's aus der Schweiz, vier aus Deutschland und einer aus Österreich  zum „Antennenseminar“. In ihrer Begleitung fünf Damen und Simon, so dass Österreich insgesamt auf drei Teilnehmer kam. Heinz Bolli, HB9KOF, der spiritus rector und Gerd Janzen, DF6SJ, weithin bekannter „Antennenguru“ teilten sich sehr professionell die Leitung und Moderation des Seminars.  Ruth Bolli und Waltraud Janzen, DL1SJ, zeichneten mit Charme und Engagement für das Damenprogramm verantwortlich.

Manch ein OM und wohl die meisten XYL's waren mit einer gewissen Skepsis angereist, ob das denn so alles gut gehen würde. Eine Woche kann ja lang werden oder wie im Fluge vergehen.  Es ging nicht nur gut, sondern alle Teilnehmer waren sich bei der Abreise einig, dass die Woche in die Rubrik  „Bereicherung und großes Vergnügen“ einzuordnen war.

Für Gerd und Heinz stellte sich die nicht gerade triviale Aufgabe, Menschen unterschiedlicher Vorkenntnisse „mitzunehmen“, ohne die einen zu langweilen oder die anderen zu überfordern. Nicht nur an der Oberfläche zu kratzen, sondern bei den zentralen Themen der Antennentechnik auch durchaus anspruchsvoll in die Tiefe zu gehen, sowie den Seminarteilnehmern leistungsfähige Hilfsmittel für die Analyse und Simulation an die Hand zu geben - ohne bei all dem den Bezug zur Praxis zu verlieren - das war der Ehrgeiz von Gerd und Heinz.

Theorie...

Jeden Tag wurde von neun Uhr morgens bis gut 17 Uhr abends gearbeitet. Die Themen reichten von den „absoluten Grundlagen“  wie Wirkwiderstand, Induktivität, Kapazität, Schwingkreisformel, Dezibel, Gewinn, Wirkungsgrad, Wellenlänge bis zu den Schwerpunktthemen Smith-Diagramm und Antennensimulation mit EZNEC. Auf dem Weg dahin nahmen natürlich die sehr vielschichtigen – um nicht zu sagen „komplexen“ – Themata HF-Leitungen, Anpassung und Kompensation den ihnen gebührenden breiten Raum ein.

Diese Breite und Tiefe wäre nicht möglich gewesen ohne die jahrzehntelange Erfahrung von Gerd Janzen als Professor in der Interaktion mit seinen Studenten. Man muss ein Thema schon verdammt gut beherrschen, um es ganz einfach und klar darstellen zu können, ohne sich dabei hinter komplexen Formeln zu verschanzen. Gerd ist zweifellos einer der Großen im Spannungsfeld zwischen umfassendem Fachwissen und pädagogischem Geschick.

Heinz Bolli hat die Elektrotechnik „von der Pieke auf“ gelernt und bringt daher alle Voraussetzungen mit, praxisnah zu informieren. Er ist der Erfinder des „SWISS ANTENNA MATCHING SYSTEM (SAMSplus), das auf der diesjährigen Hamradio in Friedrichshafen seine Weltpremiere erlebte. Es war ein Vergnügen, beim Thema HF-Leitungen seine Darstellung und seine Überlegungen zum Thema Leistungsanpassung und Leitungstransformation mit denen von Gerd zu vergleichen: Trotz gleichen Themas gab es praktisch keine Überschneidungen, im Gegenteil, die andere Sicht führte zu einem vertieften Verständnis bei den Seminarteilnehmern. Heinz übernahm auch die so wichtigen Themen „elektromagnetische Verträglichkeit“ und „Potenzialausgleich“.

...und Praxis

Nach drei Tagen Theorie wuchs das Bedürfnis nach frischer Luft und praktischem Antennenbau. Vier Teams bauten insgesamt fünf Vertikalantennen. Zur Verfügung standen viel Draht, 500m Koaxialkabel, enorm viele BNC-Armaturen nebst einem sehr hilfreichen Crimp-Werkzeug, 10m lange Kunststoffschiebemaste (für jeden Teilnehmer zum nach Hause mitnehmen) inkl. Abspannmaterial und vor allem für jedes Team ein „CIA Complex Impedance Analyzer“ (Antenna Analyzer) von AEA.

Gebaut, abgeglichen und erprobt wurden eine insgesamt nur 10m hohe 80m-Vertikalantenne mit Verlängerungsspule und „elevated radials“, mit deren Hilfe am „helllichten Tage“ aus der Talschlucht des Inns auf 80m und mit nur 100W eine 59+-Verbindung mit Nürnberg gelang; eine imposante Reusen- oder Kegelantenne mit großer Breitbandigkeit von etwa 10 MHz bis über 30 MHz, mit 8 „elevated radials“, deren Länge paarweise für die jeweiligen Amateurbänder optimiert war.

Sehr interessant war ein J-Antennenprojekt für 20m, das mit Hilfe eines doppelt abgeschirmten Koaxialkabels realisiert werden sollte. Die Antenne funktionierte nicht, d.h. sie ließ sich nicht abstimmen. Erst als die Gruppe sich dazu entschloss, die Aussage eines berühmten deutschsprachigen Antennenhandbuchs, demzufolge der Abstand zwischen den beiden Abschirmungen gleichsam beliebig klein sein darf, nicht (!) zu folgen, sondern vielmehr anzunehmen, dass bei beliebig kleinen Abständen die kapazitive Kopplung die gewünschten Leitungsphänomene verdeckt, war die Antenne in kürzester Zeit und mit sehr gutem Erfolg – RS 59+ mit 2,5W nach 9A auf 20m – zum Laufen zu bringen. Der Trick: Der normalerweise durch ein Alurohr realisierte untere Teil des Dipols wurde nun durch 4 reusenartig angeordnete Drähte nachgebildet, in deren Mitte das Koaxialkabel für die Antennenspeisung verlief.

Viele Erkenntnisse vermittelte auch der Bau einer endgespeisten Vertikalantenne für 20m. Das Projekt ist insofern kritisch, als immerhin drei Variable in die Resonanzfrequenz und die optimale Anpassung eingehen, nämlich die Strahlerlänge und die Längen der beiden transformierenden koaxialen Kabelstücke. Durch die Endspeisung wurden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erschlagen: Zum einen stellte sich das konstruktive Problem erst gar nicht, für eine mittengespeiste Vertikalantenne das speisende Koaxialkabel eine gute Strecke lang parallel zum Boden, also rechtwinklig zur Antenne zu führen und zum anderen bekam man wegen der am Ende kurzgeschlossenen Stichleitung den nahezu idealen Blitzschutz als „kostenlose Dreingabe“.

Nicht nur bei diesem Projekt bewährte sich der Einsatz des Antennen-Analysators. Ohne ihn – und natürlich den Einsatz von Hirn - wäre aus einer Arbeit von drei Stunden wahrscheinlich ein wochenend-füllendes Thema geworden. Schlussendlich sei (5) auch noch der Bau eines verkürzten, mittig gespeisten Vertikaldipols für 40m erwähnt, bei dem die Verlängerungsspule auch gleich noch der Einkopplung der HF-Leistung diente. EZNEC lieferte den Wert der mittig angebrachten Verlängerungsspule, die Speiseleitung wurde über eine zweite Wicklung induktiv auf die Verlängerungsspule gekoppelt und das Ganze funktionierte trotz nur 10m Aufbauhöhe ohne Radials (Dipol!) auf 40m ganz hervorragend. Die Begeisterung über EZNEC war bei einigen Teilnehmern so groß, dass sie spontan am hoteleigenen Internetrechner bei Roy Lewallen, W7EL, ihr persönliches Programm bestellten…

...und das Ambiente

Die Wissbegierde und die Diskussionsfreude der Seminarteilnehmer war mehr als nur bemerkenswert. Gerds Stimmbänder drohten nach sechs Stunden Vortrag am ersten Tag und weiteren zwei Stunden ausgiebiger Diskussion ihren Dienst zu versagen. Gerd äußerte mit etwas angestrengtem Gesichtsausdruck, dass sie, die Stimmbänder, selbst in seiner aktiven Zeit als Professor an der FH Kempten derartigem Stress nicht ausgesetzt waren. Insofern kam es wie gerufen, dass die Teilnehmer des Damenprogramms gegen 18 Uhr von ihrer Exkursion zurückkehrten und die Seminarteilnehmer gesunden Hunger und Durst verspürten, der auf das Allerangenehmste von der Küche und dem Keller des Hotels Alvetern gestillt wurde.

Der zweite Tag kulminierte in einem „Ausritt“ mit dem Geländewagen auf 2300m Höhe mit anschließendem Fußmarsch zu einer Skihütte auf fast 2500m Höhe. Dort warteten ein großartiges Bergpanorama und ein herrliches Abendessen in urgemütlicher Umgebung auf die Teilnehmer. Allen gefiel es so gut, dass der Aufbruch ins Tal erst nach Einbruch der Dunkelheit erfolgte, was nach all der festen und flüssigen Labsal nicht unerhebliche Anforderungen an die Trittsicherheit und den Sinn für das Gelände erforderte.

Nach dem Abendessen im Alvetern gab es gelegentlich noch einen „allgemeinbildenden Vortrag“ z.B. über die Historie und Kultur des Tals. Waltraud, DL1SJ, zusätzlich zu ihrer Rolle als XYL von Gerd eine weit über Kempten hinaus bekannte Textilkünstlerin,  begeisterte die Teilnehmer mit ihrem Bildvortrag über textile Kunst. Rudolf, DJ3WE, berichtete mit vielen Bildern von seiner Nepal-Expedition, die er anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Bavarian Contest Clubs und zum Andenken an seinen Freund Sepp, DJ7CY, organisiert hatte. Neben den funkerischen Aspekten kamen auch die politischen, soziologischen und kulturellen Zusammenhänge nicht zu kurz.

...und das Damenprogramm

Sehr zur Beruhigung der OMs – konnten sie sich doch so unbesorgt auf das Seminar konzentrieren – sprang auch bei den nicht funkenden Damen der Funke der Begeisterung. Ruth Bolli hatte ein vielseitiges Damenprogramm ausgedacht und teilte sich dessen Leitung mit Waltraud Janzen. Eine Wanderung durch die imposante Clemgia-Schlucht, der Besuch eines römisch-irischen Dampfbades in Scuol und die Fahrt mit dem spektakulären Bernina-Express über den Bernina-Pass zum Markt ins italienische Tirano sorgten für starke Eindrücke.

Häufig und mit leuchtenden Augen erzählten die Damen auch vom Besuch im Atelier eines einheimischen Künstlers im einsamen Nachbarort Sur-En. Unter professioneller Anleitung von Waltraud standen Zeichen- und Malversuche auf dem Programm – für einige ein dankbar begrüßtes Novum. Das Vergnügen an der Gestaltung ging bei vielen Damen so weit, dass sie den gestellten Skizzenblock und die Malstifte täglich in den Rucksack packten. Bemerkenswert auch der 18-jährige Simon, der sehr interessiert die Woche im Damenprogramm verbrachte.

Nächstes Jahr wieder

Angesichts dieses weit gefächerten und anspruchsvollen Programms, bei dem der Spaß nicht zu kurz kam, bewirkten die überaus positiven Bewertungen des „Premierenpublikums“ am Ende dieser erstmaligen Veranstaltung einen zwar leicht erschöpften aber doch fröhlich-dankbaren Gesichtsausdruck bei den Organisatoren. Heinz und Gerd entschlossen sich spontan, eine Fortsetzung im nächsten Jahr anzukündigen.

Dabei soll der Stoff allerdings noch mehr gegliedert und auf insgesamt zwei Wochen verteilt werden: Vom 3.8. bis 9.8.08 soll ein „Basiskurs“ angeboten werden; anschließen wird sich dann vom 10.8. bis 17. 8. 08 ein „Fortgeschrittenen-Kurs“. Beide Kurse werden jeweils das gesamte Spektrum umfassen, aber naturgemäß unterschiedliche Schwerpunkte setzen. An der bewährten Mischung aus Theorie, Praxis  und den angenehmen Seiten des Lebens soll festgehalten werden. Einige Teilnehmer entschlossen sich sofort, für das nächste Jahr zu buchen.

Rudolf Schwenger, DJ3WE

Share this product